Inhaltsverzeichnis
Fakten zum Film
Der Film
Darstellung des Undarstellbaren?
Inszenierung von Geschichte
Das "Unternehmen Bernhard"
im Film und in der Realität
Biografien
Blüten, Blüten, Blüten
Eine kleiner Geschichte des Geldfälschens
Survivor Guilt
Historische Hintergründe
Wirtschaft, Verbrechen und das Erbe des Nationalsozialismus
zurück
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Inszenierung von Geschichte
In der letzten Einstellung des Films legt sich eine Stimme aus dem
Off über die Bilder und lässt uns wissen:
"In der Fälscherwerkstatt Sachsenhausen wurden Pfundnoten im Gesamtwert
von 132 Millionen hergestellt. Das entsprach dem vierfachen der Währungsreserven
Großbritanniens. Durch die Verzögerungstaktik der Häftlinge konnte
nur eine sehr geringe Menge von Dollars produziert werden. Das 'Unternehmen Bernhard'
gilt als größte Geldfälschungsaktion aller Zeiten."
Am Ende des Films wird der Raum der filmischen Handlung durchbrochen,
die erzählte Geschichte mit einem Anspruch an historische Wahrhaftigkeit
verbunden: DIE FÄLSCHER ist ein Spielfilm, der einen historischen
Stoff behandelt.
Dabei geht es jedoch nicht darum, ein Gesamtbild des Nationalsozialismus
zu zeichnen. Angelehnt an die Geschichte der Sachsenhausener Geldfälschungsaktion
inszeniert Regisseur Stefan Ruzowitzky einen Film, der aus dem historischen
Material ein exemplarisches Drama um Handlungsspielräume und
Konflikte unter den extremen Bedingungen nationalsozialistischer
Gewalt formt. Das verweist zum einen auf einen perfiden Aspekt nationalsozialistischer
Verfolgungspolitik, seine Opfer selbst im Moment totaler Verfügungsgewalt
durch die Aussicht, durch eigenes Verhalten das Überleben sichern
zu können, zur Kooperation zu bewegen. Anhand der Figuren von
Salomon Sorowitsch und Adolf Burger lotet DIE FÄLSCHER diesen
Konflikt aus und versucht anschaulich zu machen, welche Spuren das
System an einzelnen Menschen hinterlässt. Vor dem Hintergrund
einer ausdifferenzierten (filmischen) Erinnerungslandschaft wird
das historische Phänomen zudem zur Metapher allgemeiner Dramen.
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VERMITTLUNG
Dokumentarfilm/ Spielfilm:
- Wie könnte eine dokumentarische Bearbeitung des gleichen Themas
aussehen?
- Welche spezifischen filmischen Mittel würden dafür zur Verfügung
stehen?
- Was wären mögliche Drehorte, Interviewpartner, welches Archivmaterial
käme dafür in Frage?
- Wodurch würde sich das Bild, das ein Dokumentarfilm über die
Geschichte zeichnet, von dem Spielfilm unterscheiden?
- Auf welche Weise würde ein Dokumentarfilm die Zuschauer/innen involvieren?
- Welche Fragen würde er bei ihnen hervorrufen?
Autorschaft/ Erzählformen:
Stefan Ruzowitzkys Filmographie umfasst eine Reihe recht unterschiedlicher
Filme, deren Drehbücher er auch meist selbst verfasst hat:
Tempo (Ö 1996)
Die Siebtelbauern (Ö/D 1998)
Anatomie (D 2000)
All the Queen's Men (D/Ö/HUN/USA 2001; nur
Regie)
Anatomie 2 (D 2003)
- Worin unterscheiden sich diese Filme von DIE FÄLSCHER?
- Welche Verbindungen lassen sich zwischen den Gegenständen der jeweiligen
Filme, und der Form ihrer Erzählung herstellen?
- Was könnten im Hinblick darauf Gründe für die
filmische Form der Erzählung in DIE FÄLSCHER sein?
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Beispielanalyse I: Eröffnungssequenz
Der Film beginnt mit einer schwarzen Leinwand, nur auf der Tonspur
ist das Rauschen einer Meeresbrandung zu hören. Eine Aufblendung
gibt den Blick auf das Meer frei, Musik setzt ein, Titel und Credits
werden eingeblendet. Die Kamera schwenkt vom Horizont auf einen schwarz
gekleideten Mann, der am Ufer sitzt. Im Profil sehen wir sein Gesicht,
er raucht eine Zigarette. Eine Zeitung, die neben ihm liegt und von
Wellen überspielt wird, trägt die Schlagzeile: "La
guerre est finie!" (Der Krieg ist zu Ende). Eine Reihe kurzer
Einstellungen folgt dem Mann durch eine Stadt. Die Kamera zeigt ihn
dabei meist in Totalen und Halbtotalen, es ist viel von der Umgebung
zu erkennen. Auf seinem Weg passiert der Mann eine Gruppe schlafender
Soldaten, eine in Lumpen gekleidete Familie, einen Straßenverkäufer,
der Silberware anpreist. Schließlich hält er vor einem
Gebäude, das ein Schild über dem Eingang als "Casino
Monte Carlo" ausweist. Im Hotel bezahlt der Mann, der als "Monsieur
Sorowitsch" angesprochen wird und einen Schweizer Pass vorweist,
die von ihm verlangte Anzahlung mit einem Bündel Dollarnoten,
das er aus einem Koffer voller Geld zieht. Die nachfolgenden Sequenzen
zeigen Sorowitsch beim Deponieren des Geldes in einem Bankschließfach,
beim Friseur und bei der Maniküre. Schließlich sehen wir
Sorowitsch in einem Casino, er gewinnt Geld beim Pokerspiel. Von
dort führt die Montage in Sorowitschs Hotelzimmer, wo er und
eine Frau, die ihn im Kasino beobachtet hat, einander küssen.
Als sie die Tätowierung einer Nummer auf seinem Unterarm sieht,
erschrickt sie und fragt, ob er etwa aus dem KZ komme. Sorowitsch
antwortet nicht und blickt ins Leere. Als die Frau sich daran macht
zu gehen, sieht sie, dass Sorowitsch ihr Geld gegeben hat, das sie
zuerst zurückweist, dann aber annimmt. Die letzte Szene der
Eröffnungssequenz zeigt Sorowitsch auf einer sonnigen Terrasse
alleine an einem Tisch. Während er, wieder rauchend, in die
Ferne blickt, bringt ihm ein Kellner eine Flasche Champagner.
Als Exposition bezeichnet man die Eröffnungssequenz eines Spielfilms,
die für gewöhnlich versucht, in kurzer Zeit Handlungsraum
zentrale Figuren und Motive einzuführen.
Gleich zu Beginn wird die Hauptfigur ins Bild gesetzt. Wir wissen
zunächst noch nichts über sie, auch Ort und Zeitraum der
Handlung sind unklar. Die Sequenz gibt dazu eine Reihe von Hinweisen:
Spuren des Krieges deuten die Nachkriegszeit an. Der Ort stellt sich
als Monte Carlo heraus. Die Herkunft der großen Summe Geldes, über
die Sorowitsch verfügt, bleibt noch rätselhaft. Als schließlich
die in den Arm tätowierte Nummer sichtbar wird, verdüstert
sich die Atmosphäre, verstärkt durch den plötzlich
dramatischen Soundtrack. In derselben Szene im Hotelzimmer konterkariert
der Austausch von Geld zwischen Sorowitsch und der Frau die vorangegangene
Intimität zwischen den beiden. Soziale Beziehungen werden auch
als Geldverhältnis dargestellt. All das verweist auf einen noch
unbekannten Platz in der Geschichte der Hauptfigur.
Stefan Ruzowitzky hat sich bei DIE FÄLSCHER entschieden, die
historische Kernhandlung in einen Rahmen einzufügen, der zu
Beginn und Ende des Films steht, Motive anzeichnet, offene Fragen
stellt, und sie am Ende wieder zusammenführt. So wird ein Spannungsbogen
etabliert, der die Zuseher/innen in den Verlauf der Geschichte involviert.
Der Kernhandlung über die Ereignisse in Sachsenhausen wird eine
Episode vorangestellt, die chronologisch zu einem späteren Zeitpunkt
spielt – der Film beginnt seine Geschichte also von ihrem Ende
her zu erzählen. Der Zwischenraum, den die Klammer umschließt,
ist die Zeit des Nationalsozialismus, die Verfolgung, die einen tiefen
Einschnitt im Leben der Hauptfigur markiert. Was als zu Verarbeitendes
anfangs angedeutet wird, erschließt sich in der Entfaltung
der weiteren Handlung. Im Laufe der Betrachtung wird das anfangs
Gezeigte so immer wieder neue Bedeutung erhalten, eine Bewegung der
Interpretation wird in Gang gesetzt, bis am Ende die Fortführung
der Monte-Carlo Sequenz die Enden zusammenfügt.
Im Gegensatz zur späteren Handlung im Lager sehen wir etwa Sorowitsch
in einer kurzen Zeit an einer Vielzahl von Orten. Er kann sich frei
bewegen. Die Kameraführung zeigt dabei Schwenks und Totalen,
eine Weite und Bewegungsfreiheit, wenn etwa die Größe
und der Prunk des Kasinosaales zelebriert wird, die in scharfen Kontrast
zu der Geschlossenheit und kargen Enge der Lagerarchitektur treten
werden.
Am Ende der Eröffnungssequenz sitzt Sorowitsch einsam an einem
Tisch, etwas scheint in ihm vorzugehen. Die Montage stellt über Ähnlichkeiten
einen Anschluss an die Nachfolgende Sequenz im Berlin der Dreißiger
Jahre her: Die Musik, die auf der Terrasse anklingt, reicht in die
nächste Sequenz hinüber, wo sie sich als musikalische Kulisse
eines Etablissements entpuppt. Der Rücken des Kellners, der
den Champagner serviert, verdeckt vollständig die Linse und
funktioniert so als Schwarzblende. Als ein anderer Kellner den Blick
wieder frei gibt und eine Flasche Champagner serviert, befindet sich
die Handlung in Berlin, 1936. Was folgt, wird lesbar als Erinnerung
von Sorowitsch.
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VERMITTLUNG
Links zur Filmanalyse:
www.mediamanual.at
www.bildungsservice.at
www.bender-verlag.de
Geschichte
- Welche Möglichkeiten des Verhaltens haben die Häftlinge
in der Fälscherwerkstatt?
- Mit welchen Konsequenzen müssen sie rechnen?
- Welche Positionen unter ihnen sind erkennbar?
- Welche sozialen/ kulturellen Unterschiede sind zwischen Ihnen feststellbar?
- Wie ist ihr Verhältnis zu den übrigen Gefangenen des Lagers?
- Welcher Konflikt prägt das Verhältnis zwischen Burger
und Sorowitsch?
- Inwieweit haben ihre persönlichen Geschichten damit zu tun?
- Wodurch ist das Verhalten von SS-Offizier Herzog motiviert?
- Was könnte seine Geschichte sein?
- Was unterscheidet Herzog von Holst?
- Warum lässt Herzog die Häftlinge eine Faschingsrevue aufführen?
- Wie reagieren die einzelnen Figuren auf die Befreiung/ das Kriegsende?
- Warum verschont Sorowitsch Krügers Leben?
- Wie könnte das Leben der dargestellten Personen nach dem Kriegsende
weitergehen?
Filmsprache/Inszenierung
- Wie werden die einzelnen Charaktere eingeführt? Was erfahren
wir über sie?
- Welche Figuren laden zur Identifikation ein? Welche nicht? Was
gibt dafür den Ausschlag?
- Wie wird die Geschichte der NS-Zeit in die Geschichte der porträtierten
Charaktere integriert?
- Wie wird im Film Gewalt dargestellt?
- Welche Formen von Gewalt werden sichtbar?
- Welchen Wahrheitswert schreibt der Film dem Gezeigten zu?
- Auf welche Weisen bezieht er sich auf Geschichte?
- Welche Kamerasprache zeichnet einzelne Episoden aus?
- Wie beeinflusst das die Erzählung?
- Auf welche Weise wird Musik im Film eingesetzt? Welche unterschiedlichen
Arten dafür gibt es? Welche Effekte werden damit erreicht?
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Beispielanalyse II: Darstellung von Gewalt
Die Sequenz beginnt mit einer Einstellung, in der Sorowitsch, aufgeschreckt
durch Flugzeuglärm, zwischen den Baracken zum Himmel blickt.
Wir sehen Sorowitsch und Burger Tischtennis spielen, während
die anderen ihnen zusehen. Als hinter der Bretterwand, die das Areal
der Fälscher vom Rest des Lagers trennt, ein Tumult vernehmbar
wird, verharren die Spieler und Zuschauer. Man hört einen Häftling
um sein Leben flehen, er wird erschossen. Einige Projektile durchschlagen
die Wand. Eine Stimme weist den Schützen zu Recht, er hätte "seine
Juden" auf der anderen Seite treffen können. Die Kamera
ruht währenddessen auf den Gesichtern der Fälscher, registriert
ihre Reaktionen. Burger nimmt schließlich das Spiel wieder
auf, doch Sorowitsch spielt den Ball nicht zurück. Burger spielt
noch einen Ball und zählt den Spielstand weiter. Scheinbar zynisch
fordert er Sorowitsch auf, doch weiterzuspielen. Die Morde seien
hier doch ohnehin Alltag. Sorowitsch fällt über ihn her
und versucht ihn zu verprügeln. Die anderen trennen sie schließlich. "Wenn
Du nicht hier überlebst", sagt Burger, auf sein Herz zeigend, "wozu
willst Du dann überleben?" Ein Mann spricht vor den Einschusslöchern
in der Wand kniend ein hebräisches Gebet.
Die räumliche Anordnung der Szenerie ist hier in mehrfacher
Hinsicht auch als Parabel auf die Situation der Fälschergruppe
zu lesen.
Sorowitsch sucht den Himmel nach Flugzeugen ab, deren Motorenlärm
er hört. Es könnten alliierte Bomber sein, was auf eine
kurz bevorstehende Befreiung hindeuten würde. Der weite Himmel
selbst ist nur durch das Gitter zu sehen, das – wie als Zeichen
der Gefangenschaft – den schmalen Gang zwischen den Baracken überspannt.
In einem Tischtennisspiel stehen sich Sorowitsch und Burger gegenüber,
so wie sie sich als Pole möglicher Verhaltensweisen unter den
Bedingungen ihrer Gefangenschaft gegenüberstehen. Mit dem provokativ
weitergeführten Tischtennisspiel karikiert Burger die Haltung
seines Gegenübers, das jetzt vor Schreck erstarrt ist: Weiterzumachen,
auch im Angesicht des Grauens, das sie umgibt. Wo Burger die Pläne
der Nazis aktiv sabotieren möchte, versucht Sorowitsch sich
der Situation zu fügen, um sich und den anderen unmittelbar
um ihn das Überleben zu sichern. Auch das in einem gewissen
Sinn ein Spiel, aber mit ungleich höherem Einsatz.
In vielen Szenen des Films erfahren die Fälscher physische Gewalt
nur mittelbar, sie umgibt sie als permanente Drohung, die sie zur
Erledigung der von SS-Mann Herzog aufgezwungenen Aufgaben antreiben
soll. Wenn der Film in diesen Szenen Gewalt zeigt, geschieht dies
nicht aus der Perspektive derer, die Gewalt erleiden oder sie ausüben,
sondern gewissermaßen aus einer entfernten Zuschauerperspektive,
durch eine Türe oder über eine Mauer hinweg.
Auch in dieser Szene verhält es sich ähnlich. Die Männer
sind Ohrenzeugen der Gewalt, von deren Unmittelbarkeit sie eine Wand
trennt, Ausdruck ihrer Sonderstellung im Lager, jener Wand, die am
Ende des Films, im Moment der Befreiung, Häftlinge durchbrechen
werden und die Realität der anderen Seite zum Vorschein bringen.
Dass der Wachmann befürchtet, es könnte durch die Schüsse
einer der Häftlinge in der Fälscherbaracke getroffen sein,
unterstreicht ihre relative Privilegierung noch. Gegen die Erschießung
eines Häftlings selbst hat er offensichtlich nichts einzuwenden.
Den Zuschauer/innen wird auf diese Weise ein direktes Bild der
Gewalt verweigert. Aus der Perspektive von entfernten Zeugen offenbart
sich das Grauen nicht als unmittelbarer visueller Schock, erst in
ihrer Vorstellung entsteht ein Bild der Gewalt als Situation von
Herrschaft, in der über das Leben von Menschen gleichgültig entschieden
wird.
Im Gerangel zwischen Burger und Sorowitsch betrifft die sie umgebende
Gewalttätigkeit aber auch die Männer selbst, die sich in
einer vergleichsweise geschützten Position befinden. Der Kampf
um das Überleben ist auch ein Kampf dafür, die Gewalt der
Täter von sich fern zu halten. Die im Kontrast zum Vorhergehenden
hektischen Schwenks und Schnitte dieser Einstellungen unterstreichen
den plötzlichen, offenen Ausbruch von etwas latent Vorhandenem.
Das Totengebet wiederum, das am Ende gesprochen wird, zeigt eine Geste
der individuellen Trauer, die gegen die Allgegenwart des Mordes die
Anteilnahme um ein konkretes Opfer setzt.
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Burger und Sorowitsch beim Tischtennisspiel |
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